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Jürgen Neubauer - Bücher

Aus der Einleitung

"Der Mythos Fidel"


"Dass dieser Mann nicht aufs Klo muss! Dass der nicht mal pinkeln muss! Was ist das nur für ein Mann?"

Derart verwundert zeigt sich ein älterer Herr in einer Dokumentation über die kubanische Revolution, die das staatliche kubanische Filminstitut pünktlich zum 80.Geburtstag Fidel Castros veröffentlicht hat. Es ist der Nachmittag des 8. Januar 1959, und mit Hunderttausenden anderen Einwohnern der Hauptstadt Havanna drängt sich Señor Otero vor dem Präsidentenpalast, um einen Blick auf den bärtigen Rebellenführer im olivgrünen Kampfanzug zu erhaschen, den er bis dahin nur vom Hörensagen kennt.

Es ist Fidels großer Tag: Nach einem fünftägigen Triumphzug quer durch ganz Kuba, von Santiago im äußersten Südosten bis nach Havanna im Nordwesten, ist er am Nachmittag unter dem begeisterten Jubel der Einwohner in der Hauptstadt eingezogen und steht nun auf dem Balkon des Präsidentenpalastes vor einer unüberschaubaren Menschenmenge. Die meisten der Feiernden kennen den Mann dort oben kaum. Zum ersten Mal haben sie den Namen des Rechtsanwalts Fidel Castro Ruz im Juli 1953 gehört, als dieser mit etwa 150 jungen Leuten die Moncada-Kaserne in Santiago überfällt, in der Hoffnung, einen Volksaufstand gegen den Diktator Fulgencio Batista auszulösen. Die Tat ist verrückt, aber da die Kubaner Verrückte lieben, beginnt auf Kuba ein Mythos um Fidel Castro. Dreieinhalb Jahre später hat Fidel dann wieder von sich Reden gemacht: Mit einem klapprigen Freizeitboot ist er von seinem Exil in Mexiko kommend im Süden Kubas gelandet, hat sich in die Berge durchgeschlagen und dort einem Reporter der New York Times ein Interview gegeben, in dem er Batista den Krieg erklärt. Und nun ist es diesem Fidel Castro also tatsächlich gelungen, den verhassten Diktator zu verjagen. Die Menschen feiern ihren jungen Helden und jubeln ihm zu, auch als dieser gar nicht mehr aufhören will zu reden.

Fast ein halbes Jahrhundert lang spricht Fidel nun schon zu und mit dem kubanischen Volk, mehr und länger als sich irgendeiner der Anwesenden vor dem Präsidentenpalast hätte träumen lassen, und mehr und länger als irgendein anderer heute amtierender Regierungschef der Welt. Ebenso wie sein krauser Bart, seine dicke Zigarre und seine olivgrüne Kampfuniform werden die Marathonreden Teil des Mythos von Fidel Castro. Unvergessen die siebenstündigen Radioansprachen, mit denen er in den ersten Wochen nach dem Sieg die Kubaner auf die Revolution einstimmt. Unvergessen auch die Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York, in der er nur mit Hilfe eines kleinen Spickzettels viereinhalb Stunden lang den US-Imperialismus geißelt. Inzwischen soll er über 15.000 Reden gehalten haben, das wäre fast eine pro Tag seiner langen Karriere. Das Wort wird eine seiner wichtigsten Waffen in der Revolution, sei es in nächtelangen Debatten mit seinen Mitrevolutionären, in Auftritten vor Hunderttausenden auf dem Platz der Revolution oder in Gesprächen mit Menschen im ganzen Land. Er überzeugt und verführt, erzieht und belehrt, reflektiert und polemisiert, streitet und vernichtet, lädt zum Dialog ein und bringt zum Schweigen, listet auswendig Berge von Zahlen und ergeht sich in stundenlangen Beleidigungen seiner Feinde.

...

Seit seiner Operation hält Fidel zwar keine Reden mehr. Dafür schreibt er heute Kolumnen im Parteiorgan Granma. Dass sein Artikel zum 1. Mai 2008 nur noch in der Internetausgabe erscheint, wird von Beobachtern als Hinweis darauf gedeutet, dass er buchstäblich nicht mehr viel zu sagen hat. Doch der Schein trügt: Die Regierung seines Bruders Raúl stützt sich auf Fidel und vor allem auf dessen Mythos. Mit den Fernsehbildern von Raúl und Fidel im trauten Gespräch mit Staatsgästen soll dieser Mythos auf die neue Regierung übertragen werden.

Fidel hat schon im November 2005, ein halbes Jahr vor seiner Operation, ein treffendes Bild dafür gefunden, wie seine Nachfolger seinen Mythos verwenden werden: „Wenn ich wirklich sterbe, dann wird es niemand glauben. Ich könnte wie Cid Campeanor herumreiten, den sie nach seinem Tod aufs Pferd gesetzt haben, um die Feinde in die Flucht zu schlagen.“ Der Mythos reitet schon.

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© 2008 Jürgen Neubauer und José de Villa